Stadt Bad Liebenstein und Heilbad
1918 – 1945
1918
Das Jahr 1918 brachte die Beendigung des ersten Welt-krieges. Wie in allen Orten, so wurde auch in Bad Liebenstein ein Arbeiter und Soldatenrat gebildet. Die absolute Mehrheit im Gemeinderat erhielt nach durch-geführten Wahlen die SPD. Durch die Spaltung des Orts-parlamentes in Interessengruppen, wie Vertreter der Industrie, Badeinteressenten und Handels- und Gewerbe-treibende, wurde die Rolle der Arbeiterpartei vollkommen verwischt und kam kaum noch zur Geltung. Die Industrie wurde im Gemeinderat von den Bevollmächtigten der Fabrikanten und der in den Werken beschäftigten Arbeiter vertreten, während als Vertreter des Bades Ärzte, Hoteliers und Angestellte der Kurverwaltung im Ortsparlament wirkten.
Der Gemeinderat setzte sich also nicht aus Mitgliedern der Parteien zusammen, sondern hauptsächlich aus Vertretern dieser drei Interessengruppen, die sich mehr oder weniger bekämpften.
Anfang des Jahres verkaufte das Herzoghaus die Villa Feodora an das Bad. Sie diente vorläufig als Kurhaus.
Der Erste Weltkrieg endete 1918, und Deutschland wurde von einer Monarchie zur Republik. Im Kurort Bad Liebenstein führte das zu Veränderungen, nicht nur in der Kurwirtschaft, sondern im gesamten politischen Leben.
1919
Eröffnung der Augenheilanstalt in der Bahnhofstraße (jetzt Poliklinik).
1920
Seit 1. Mai gehörte Bad Liebenstein zum Lande Thüringen und hat 2060 Einwohner.
Gerhard Hauptmann besuchte jährlich mit seiner Gattin Bad Liebenstein, die hier eine Augenkur durchführte.
Durch zwei Solinger Fabrikanten entstand unterhalb der Eisenbahnstraße eine weitere Metallwarenfabrik; diese firmierte unter "Billman und Theunissen". Sie produzierte Haarschneidemaschinen und Rasierklingen.
1921
Schieden Gräfin Rüdiger und Graf Wiser aus der Aktiengesellschaft aus. Die Aktien übernahmen das Bankhaus Ette, Schmalz & Hellmuth in Leipzig.
In den folgenden Jahren wurden die Hotels Charlotte, Bernhard und Olga verkauft, da kein Gewinn erzielt werden konnte und die Aktionäre nicht auf Dividende verzichten wollten. Das Sanatorium Dr. Fülles ging an die Ärzte Dr. Eichler und Dr. Seige über.
1922
Baute man die unteren Räume der Villa Feodora zu einem Kaffee um.
Das Bad hatte von 1916 an eine eigene Gemarkung gebildet und wurde nun wieder Bad Liebenstein eingemeindet.
1923
Vereinigten sich die Orte Bad Liebenstein, Schweina, Steinbach und Bairoda zu einer Großgemeinde
(1.10.1923).
1924
Erfolgte eine Zusammenlegung der Aktien. Das Aktienkapital betrug danach nur noch 595 000 Mark. Die Großgemeinde Bad Liebenstein wurde wieder aufgelöst.
Feierliche Einweihung des Kriegerdenkmals am 13.07.1924 an der Post zu Ehren der Opfer des 1. Weltkrieges.
1924/1925 plante der weltbekannte Architekt Walter Gropius ein „Friedrich-Fröbel-Haus“, doch die politisch instabile Zeit in Thüringen ließ das Projekt scheitern.
1925
Wechselte das Aktienkapital in andere Hände. Die Aktienmajorität besaß Herr Dr.Lauterbach.
Sanitätsrat Dr. Fülles verkaufte den Elisabeth–Park an das Bad.
Gründung der Firma „Heinrich Beutel Metallwarenfabrik“ am 01.01.1925. Sie produzierten Schlösser, Metallbügel usw.
1926
Am 12. Februar 1926 wurde der Verein "Burggemeinde Liebenstein" gegründet mit dem Ziel, sich für den Erhalt der Burgruine und die Erforschung der Burggeschichte einzusetzen. Erster Vorsitzender wurde Rektor a.D. Friedrich Peters. Die Versammlungen fanden jeden
1.Donnerstag und jeden 3.Sonnabend des Monats im Kaffeehaus Feodora statt.
1927
Kaufte die Aktiengesellschaft die Villa Georg und verwandelte das Haus in ein Kurheim, in dem Mitglieder der Angestelltenversicherung Aufnahme fanden.
In einer Tiefe von 150 m erbohrte man eine neue Heilquelle.
Umbau des Fernsprechamtes in ein Selbstanschlußamt.
Die am 01.08.1889 eröffnete Bahnstrecke von Immelborn nach Bad Liebenstein wurde bis Steinbach verlängert und nahm am 29.05.1927 ihren Betrieb auf.
1929
Konnte Bad Liebenstein an die Gasfernversorgung angeschlossen werden. Zwischen den Maschinenhaus der Kurverwaltung und dem Kurhaus baute man zur Aufnahme von Heizungs– und Wasserleitungsrohren einen unterirdischen Gang.
1930
Untersuchte das Chemische Laboratorium Fresenius in Wiesbaden die 1927 erbohrte Mineralquelle. In der Heilquelle wurde mehr Kohlensäure als in den bisher erschlossenen Mineralquellen ermittelt und neben den bisher bekannten Mineralien noch Kobalt, Nickel, Cadmium, Titan und Kupfer gefunden.
1932
Errichteten Liebensteiner Heimatfreunde auf dem Burggelände einen Aussichtsturm.
In den 1930er Jahren wurden neue Wohngebiete, wie die Siedlung, erschlossen und Häuser gebaut.
1933
Wurde das Hotel Schneider (jetzt VVN–Heim Hugo Gefroi) umgebaut und vergrößert.
1935
In dem seit 1916 nicht genutzten Palais Weimar entstanden durch Umbau Aufenthaltsräume und Lese-, Billard-, Schreib-und Musikzimmer, die den Kurgästen zur Verfügung standen.
Übernahme der 1911 gebauten Stanzwerke und Schloss-fabriken GmbH in der Barchfelder Straße, Gg. Ad. Heller, durch die Firma Heinrich Beutel. Die Beschäftigtenanzahl stieg auf 40 Arbeiter.
1937
Machte die durch eine großzügige Reklame gesteigerte Besucherzahl die Vergrößerung und dem Umbau des Badehauses durch Architekt Dipl. Ing. Böttner aus Meiningen notwendig. Das Badehaus gehört seit jener Zeit zu den neuzeitlichsten Badeanlagen Deutschlands.
Im gleichen Jahr erhielt auch das Theater eine neue Gestalt.
Eine Bohrung nach Mineralwasser am Logierhof blieb erfolglos.
1938
Am 05.02.1938 beging die Firma Ludwig Heller, Eisen und Metallwarenfabrik, ihr 75. jähriges Bestehen. Sie war der älteste und größte Industriebetrieb der Gemeinde. Nach dem Kriege 1870/1871 baute man in der damaligen Fröbelstraße, der heutigen Heinrich– Mann–Straße, ein neues Betriebsgelände, welches mehrmals erweitert wurde.
Die Verfolgung der jüdischen Einwohner 1938 hatte auch in Bad Liebenstein ihre Spuren hinter lassen. In den antisemitischen Maßnahmen der NS-Zeit wurden, wie in der Reichskristallnacht jüdische Geschäfte angegriffen. Geschäftsinhaber wurden ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht und zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Die jüdische Gemeinde in der Stadt war in den 1930er Jahren sehr klein.
1939
Wer Einsicht in die Kurlisten von 1918 – 1937 nimmt, kann feststellen, daß Bad Liebenstein das Bad des Mittelstandes geworden war. Die Gäste der damaligen Zeit waren meist Mitglieder einer der vielen Privat– und Berufskranken-kassen, die von diesen Institutionen Zuschüsse zu ihren Kuren erhielten.
Die einstmaligen Besucher des Bades, die „Prominenten“, zogen es vor, die großen Luxusbäder aufzusuchen. Der minderbemittelten Bevölkerung aber blieben die Kurmittel und die heilkräftigen Schätze der Natur vorenthalten.
Beginn des zweiten Weltkrieges. Die großen Hotels und Gaststätten wurden zu Kurlazaretten umgewandelt.
1940
Die meisten der verabreichten Kurmittel wurden an erkrankte Soldaten abgegeben.
1941
Der Überfall auf die Sowjetunion verursachte große Verluste, so daß die bestehenden Lazarette nicht mehr ausreichten. Es mussten weitere Hotels in Lazarette umgewandelt werden. Bad Liebenstein verlor voll-ständig den Charakter eines Kurortes.
1944
Am 12. September 1944 fielen 154 Bomben im Park vom Schloss Altenstein. Es war ein Notabwurf in Folge eines Luftkampfes und kein gezielter Abwurf. Ein Bomber wurde abgeschossen, die Besatzung konnte sich mit dem Fallschirm bis auf ein Besatzungsmitglied retten. Die anderen drei Besatzungsmitglieder wurden gefangen genommen und in Schweina erschossen.
1945
Die Zerschlagung der Fronten in Ost und West brachten amerikanische Kampfeinheiten bis in unmittelbare Nähe von Bad Liebenstein. Tag und Nacht passierten die in Auflösung begriffenen deutschen Truppenverbände den Ort. Am 4. April wurde durch die Sirene Feindgefahr angezeigt. Eine Abordnung bestehend aus einem Arzt der Liebensteiner Lazarette, dem Bürgermeister, Herrn Hotelbesitzer Briel und einer Dolmetscherin, ging den amerikanischen Truppen entgegen, um über die bedingungslose Übergabe Bad Liebensteins zu verhandeln.
Die Abordnung erreichte, dass Bad Liebenstein zur Lazarettstadt erklärt wurde und den amerikanischen Truppen kampflos übergeben werden konnte.
Aus der „Kleinen Chronik des Bades Bad Liebenstein“ von Walter Börner (1903 – 1982) aus dem Jahre 1956 werden die Jahre 1918 – 1945 wörtlich zitiert – kursiv geschrieben;
Übriger Text: Fritz–Eberhard Reich, 2025

